tritiyopadeshah

Sentence 109

ganga yamunayor madhye bala randam tapasvinim |
balatkarena grihniyat tad vishnoh paramam padam ||109||

गङ्गायमुनयोर् मध्ये बालरण्डां तपस्विनीम् ।
बलात्कारेण गृह्णीयात् तद् विष्णोः परमं पदम् ॥१०९॥

gaṅgā-yamunayor madhye bāla-raṇḍāṁ tapasvinīm |
balātkāreṇa gṛhṇīyāt tad viṣṇoḥ paramaṁ padam ||109||

In der Mitte zwischen dem Ganga- und Yamuna-Fluss soll die junge Asketen-Witwe |
mit Gewalt gefangen werden. Dieses ist der beste Fußabdruck von Vishnu. ||109||

ganga (गङ्गा, gaṅgā) = Ganga (ein Heiliger Fluss)
yamunayah (यमुनयः, yamunayaḥ) = Yamuna (ein Heiliger Fluss)
madhye (मध्ये, madhye) = (loc.sg.) in der Mitte
bala (बाल, bāla) = Kind, Jugendlicher
randam (रण्डाम्, raṇḍām) = Witwe, Hure
tapasvinim (तपस्विनीम्, tapasvinīm) = (f. acc. sg.) asketische

balatkarena (बलात्कारेण, balātkāreṇa) = mit Gewalt, mit Kraft
grihniyat (गृह्णीयात्, gṛhṇīyāt) = (opt. ac. sg. 3) fangen, überwältigen, gefangen nehmen
tat (तत्, tat) = dieses
vishnoh (विष्णोः, viṣṇoḥ) = (g. sg. m) von Vishnu
paramam (परमम्, paramam) = höchster, vergnüglichster, bester
padam (पदम्, padam) = Fußabdruck, Schritt, Fuß, Pfad

Wie oft in der Hatha-Yoga Pradipika, so stößt auch in diesem Vers die rohe, fast obszöne Sprache den Leser zunächst ab. Sie hindert uns die dahinter verborgene Analogie zu verstehen:

In der indischen Vorstellung jener Zeit war die Witwe schuldig am Tod ihres Ehemanns. Sie saugte die Lebensenergie aus ihm. Sehen wir aber die Kundalini, die von ihrem Mann (Shiva) getrennt ist, als die Kraft der physischen Schöpfung selbst die sich aus dem Absoluten (Shiva) herauslöste, dann erkennen wir die Schöpfungsmythologie der Tantra-Philosophie. Im Schöfpungsakt kondensiert die Energie (Kundalini) zum Makro- und Mikrokosmos. Das Absolute (Shiva) bleibt unverändert. So entstand die gesamte physische Welt. Am Ende sehnt sich die Schöpfung (Kundalini) jedoch nach Vereinigung mit dem Absoluten (Shiva) von dem sie getrennt ist. Der Vorgang der Wiedervereinigung ist der Weg des Yoga und führt zur Erleuchtung.

So ist die Schöfpung (Kundalini) einerseits die Fessel, die uns von der Widervereinigung mit dem Absoluten (Shiva) zurückhält. Andererseits auch der Schlüssel für das Einheitserlebnis. Nach der Vorstellung des Tantra kann Erleuchtung nur mit und in der Schöpfung erfahren werden.

Der Vorgang der Wiedervereinigung der Schöpfung und des Absolutem ist eine tief greifende Veränderung im menschlichen Bewußtsein. Eine radikal neue Weise die Welt zu sehen. Für diesen Schritt brauchen wir Entschlossenheit, Mut und Kraft. Daher verwendet Svatmarama das Bild des gewaltvollen Fangens der Kundalini. Ein sanftes wech-küssen würde nicht reichen.

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