Wie viele Weisheitstexte der indischen Kultur ist auch das Dattātreyayogaśāstra in eine Rahmenhandlung eingebettet. Der Schüler Sāṅkr̥ti trifft im Naimiṣa-Wald auf seinen Lehrer, Dattātreya. Nach diesem ist der Lehrtext benannt.

Dattatreyayogashastra
sāṅkr̥tiḥ_Nominativ Singular
sāṅkr̥tiSubstantiv Maskulin
der Sāṅkr̥ti, Name des Protagonisten dieses Werkes
muniTatpuruṣa-Kompositum Genitiv
muniSubstantiv Maskulin
der Weise
varyaḥNominativ Singular
varyaSubstantiv Maskulin
der Beste
asauNominativ Singular
adasPronomen Maskulin
der, dieser
bhūtayeDativ Singular
bhūtiSubstantiv Feminin
zum Zwecke von vollkommenem Dasein/ Gedeihen/ Heil
yogaTatpuruṣa-Kompositum Genitiv
yogaSubstantiv Maskulin
Vereinigung, Anjochung, Einswerden
lipsayāDativ Singular
lipsāSubstantiv Feminin
dem Wunsch habhaft zu werden, - zu erhalten, Verlangen nach
bhuvamAkkusativ Singular
bhūSubstantiv Feminin
die Welt, die Erde
sarvāmAkkusativ Singular
sarvāSubstantiv Feminin
die ganze
paribhrāmyanNominativ Singular
paribhramyatPartizip Präsens Aktiv
umhergeschweift seiend, umhergeirrt seiend
paribhramyatPartizip Präsens Aktivumhergeschweift seiend, umhergeirrt seiend
paribrahmVerbumherschweifen, sich unstet, ohne bestimmte Richtung bewegen, umherirren
naimiṣaTatpuruṣa-Kompositum Lokativ
naimiṣaSubstantiv Maskulin
Naimi.sa, Name eines legendären Waldes
araṇyamAkkusativ Singular
araṇyaSubstantiv Maskulin
Wald
āptavānNominativ Singular
āptavatPartizip Präsens Aktiv
erreicht habend
āptavatPartizip Präsens Aktiv
āpVerbalwurzel
erreicht habend
āpVerbalwurzelerlangen, erreichen

Sāṅkr̥ti, dieser beste unter den Weisen (muni), hegte den Wunsch den Yoga-Zustand und sein Seelenheil zu erlangen.
Nachdem er durch die ganze Welt (bhū) gewandert war, erreichte er [schließlich] den Naimiṣa-Wald.

suKarmadhāraya-Kompositum
suPräfix
gut, wohl
gandhiDvandva-Kompositum
gandhiAdjektiv
riechend, duftend
nānāKarmadhāraya-Kompositum
nānāAdjektiv
mannigfach, verschieden
kusumaiḥInstrumentalis Plural
kusumaSubstantiv Maskulin
mit Blumen, mit Blüten
svāduKarmadhāraya-Kompositum
svāduAdjektiv
lecker, wohlschmeckend, delikat
satphalaTatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
satphalaSubstantiv Neutrum
Granatapfel
satphalaSubstantiv Neutrum
satAdjektivphalaSubstantiv Neutrum
Granatapfel, gute Frucht
satAdjektivgut
phalaSubstantiv NeutrumFrucht
saṁyutaiḥInstrumentalis Plural
saṁyutaAdjektiv
versehen
śākhibhiḥInstrumentalis Plural
śākhinSubstantiv Maskulin
mit Bäumen
sahitamAkkusativ Singular
sahitaAdjektiv
verbunden, versehen mit
puṇyamAkkusativ Singular
puṇyaAdjektiv
richtig beschaffen, schön, gut
jalaDvandva-Kompositum
jalaSubstantiv Maskulin
Wasser
kāsāraTatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
kāsāraSubstantiv Maskulin
Teich
maṇḍitamAkkusativ Singular
maṇḍitaAdjektiv
verziert

[Dieser war] mit mannigfachen wohlriechenden Blumen (kusuma) und mit leckeren Früchten (satphala) versehen.
[Er war zudem] mit schönen Bäumen ([śākhin) angefüllt und mit Teichen (jala) verziert.

saḥNominativ Singular
tadPronomen
er
muniḥNominativ Singular
muniSubstantiv Maskulin
der Weise
vicaranNominativ Singular
vicaratPartizip Präsens Aktiv
umherwandernd, während er umherstreift
vicaratPartizip Präsens Aktiv
viPräfixcarVerbalwurzel
umherwandernd
viPräfixauseinander, umher
carVerbalwurzellaufen, gehen, schreiten, wandern
tatraAdverbdort
dadarśa3. Person Singular Perfekt
dr̥śVerbalwurzel
er sah
āmraTatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
āmraSubstantiv Neutrum
Mango, Mangofrucht
taroḥGenitiv Singular
taruSubstantiv Maskulin
eine Baumes
adhaḥ
adhasPartikel
unter
vedikāyāmLokativ Singular
vedikāSubstantiv Feminin
auf einer Plattform
samaKarmadhāraya-Kompositum
samaAdjektiv
gleich, gleich bleibend, unverändert
āsīnamAkkusativ Singular
āsīnaAdjektiv
sitzend
dattātreyamAkkusativ sgName
dattātreyaSubstantiv Maskulin
Dattātreya
mahāKarmadhāraya-Kompositum
mahāAdjektiv
groß
munimAkkusativ Singular
muniSubstantiv Maskulin
Weiser

Während der Weise (muni) dort umher wanderte, sah er, unter einem Mangobaum (āmra),
den großen Weisen (mahā-muni) Dattātreya, der regungslos (sama) auf einer Plattform saß.

baddhaKarmadhāraya-Kompositum
baddhaAdjektiv
gebunden
baddhaPartizip Perfekt Passiv
bandhVerbalwurzel
gebunden
bandhVerbalwurzelbinden
padmaTatpuruṣa-Kompositum Lokativ
padmaSubstantiv Maskulin
Lotus
āsineLokativ Singular
āsinaAdjektiv
sitzend
āsinaAdjektiv
asVerbalwurzel
sitzend
asVerbalwurzelsitzen
nāthamAkkusativ Singular
nāthaSubstantiv Maskulin
Meister, Schutzherr, Beschützer, Gebieter, Herrscher
nāsaTatpuruṣa-Kompositum Genitiv
nāsaSubstantiv Feminin
die Nase
agraTatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
agraSubstantiv Neutrum
Spitze
arpitayāInstrumentalis Singular
arpitaAdjektiv
mit fixiert
dr̥śāInstrumentalis Singular
dr̥śkSubstantiv Feminin
mit Blick
uruKarmadhāraya-Kompositum
uruAdjektiv
geöffnet
madhyaKarmadhāraya-Kompositum
madhyaSubstantiv Neutrum
Mitte, in der Mitte des Leibes
gataKarmadhāraya-Kompositum
gataAdjektiv
befindlich
gataPartizip Perfekt Passiv
gamVerbalwurzel
befindlich, gegangen
gamVerbalwurzelgehen
uttānaTatpuruṣa-Kompositum Lokativ
uttānaAdjektiv
auf dem Rücken liegend, nach oben gerichtet
uttānaAdjektiv
udPräfixtānaajd
udPräfixnach oben
tānaSubstantiv Maskulin
tanVerbalwurzel
Ausdehnung
tanVerbalwurzelausdehnen
pāṇiTatpuruṣa-Kompositum Genitiv
pāṇiSubstantiv Maskulin Hand
yugmenaInstrumentalis Singular
yugmaSubstantiv Neutrum
mit dem Paar
yugmaSubstantiv Neutrum
yujVerbalwurzel
das Paar
yujVerbalwurzelverbinden, anjochen
śobhitamAkkusativ Singular
śobhitaAdjektiv
vorzüglich, schön, geschmückt, verziert

Der Meister (nātha) befand sich im gebundenen Lotussitz (baddha- padma). Sein Blick (dr̥śk) war auf die Nasenspitze (­­­­nāsāgra) fixiert.
Vorzüglich befanden sich beide Hände (pāṇi) in der Leibesmitte (madhya).

tataḥ
tatasPartikel
dann
praṇamyam Akkusativ Singular
praṇamyaAdjektiv
begrüßend
praṇamyaAdjektiv
praṇamVerbyaSuffix
begrüßend
praṇamVerb
praPräfixnamVerbalwurzel
sich verneigen
praPräfixvor
namVerbalwurzelsich beugen, sich verneigen
yaSuffixAbstrakt Adjektiv
akhilamAkkusativ Singular
akhilaAdjektiv
ganz, vollstänig, lückenlos, ohne Lücke
akhilaAdjektiv
aPräfixkhilaSubstantiv Maskulin
aPräfixohne
khilaSubstantiv Maskulinein unausgefülltes Stück, Lücke; was zur Ausfüllung einer Lücke in einem Buche dient, Supplement
dattātreyaṁAkkusativ Singular
dattātreyaSubstantiv Maskulin
Dattātreya
mahāKarmadhāraya-Kompositum
mahāAdjektiv
groß
munimAkkusativ Singular
muniSubstantiv Maskulin
Weiser, Schweiger
tatNominativ Singular
tadPronomen
er
śiṣyaiḥInstrumentalis Plural
śiṣyaSubstantiv Maskulin
mit Schülern
saha
sahaPartikel
mit, zusammen
tatra
tatraAdverb
dort
eva
evaPartikel
so, auf diese Weise
saṁmukhaḥ_Nominativ Singular
saṁmukhaAdjektiv
gegenüber jemandem stehen, jemandem von Angesicht zu Angesicht sein
ca
caPartikel
und
paviṣṭavānNominativ Singular
upaviṣṭavatPartizip Perfekt Aktiv
upavi.s.tavaan er setzte sich
upaviṣṭavatPartizip Perfekt Aktiv
upaPräfixviśVerbalwurzel
hatte gesetzt
upaPräfixheran, hin, zu
viśVerbalwurzelsich niederlassen, hineintreten in, eingehen in, - bei, sich hineinbegeben in, eintreten in

Dann, den den großen Weisen (mahā-muni) Dattātreya vollständig grüßend,
setzte dieser [Sāṅkr̥ti] sich auf diese Weise mit den (anderen) Schülern [dem Dattātreya] gegenüber.

tadā
tadāPartikel
dann
eva
evaPartikel
so, auf diese Weise
saḥNominativ Singular
tadPronomen Maskulin 3. Person
er, der
muniḥNominativ Singular
muniSubstantiv Maskulin
der Weise, der Schweiger
yogātAblativ Singular
yogaSubstantiv Maskulin
hierdurch den Yoga
viramyaAbsulotiv
viramVerb
gestoppt habend
viramVerb
viPräfixramVerbalwurzel
vollständig stoppen
viPräfixvollständig, ganz, komplett, intensiv
ramVerbalwurzelstoppen, beenden
svaKarmadhāraya-Kompositum
svaAdverb
sich, eigen
puraḥKarmadhāraya-Kompositum
purasAdverb
vor
sthitamAkkusativ Singular
sthitaAdjektivppp
stehend
uvāca3. Person Singular Perfekt
vacVerbalwurzel
_ er sprach
sāṅkr̥tiṁAkkusativ Singular
sāṅkr̥tiSubstantiv Maskulin
Sāṅkr̥ti
prīti;Karmadhāraya-Kompositum
prītiSubstantiv Maskulin
freundschaftliche Gesinnung, Freundschaft, Liebe
pūrvakamAkkusativ Singular
pūrvakaAdjektiv
vor
svāgatamAkkusativ Singular
svāgataAdjektiv
willkommen
vacaḥNominativ Singular
vacaAdjektiv
sprechend

Dann beendete der Weise (muni) seine Yoga-Praxis.
Er hieß Sāṅkr̥ti, der unmittelbar vor ihm stand, herzlich willkommen und sprach:

sāṅkr̥teVokativ Singular
sāṅkr̥tiSubstantiv Maskulin
oh Sāṅkr̥ti
kathaya2. Person Singular Imperativ
kathVerbalwurzel
erzähle
tvamAkkusativ Singular
yuṣmadPronomen 2. Person
du
māmAkkusativ Singular
asmadPronomen 1. Person
mir
kim Akkusativ Singular
kimPronomen inter
was
uddiśyaḥ*Nominativ
uddiśVerbyaSuffix
angebend, dazu führend
uddiśyaVerb
uddiśVerbyaSuffix
erklärt
udPräfixhinauf, auf, aus
diśVerbalwurzelzeigen, aufzeigen, erklären
yaSuffixin einem Zustand seiend
iha
ihaPartikel
hier
agataḥNominativ Singular
agataPartizip Perfekt Passiv
gekommen
agataPartizip Perfekt Passiv
aPräfixgamVerbalwurzel
gekommen
aPräfixhier, hin, zu
gamVerbalwurzelgehen, kommen

Oh Sāṅkr̥ti, erzähle du mir was dazu führte, hierhergekommen zu sein.

iti
itiPartikel
Kennzeichen der wörtl. Rede
pr̥ṣṭaḥNominativ Singular
pr̥ṣṭaPartizip Perfekt Passiv
gefragt
tu
tuPartikel
fürwahr
saḥNominativ Singular
tadPronomen 3. Person
er
prāha3. Person Singular Perfekt
prāhVerbalwurzel
er sprach, er erklärte, er verkündete
yogamAkkusativ Singular
yogaSubstantiv Maskulin
Yoga
jñātum Infinitiv
jñāVerbalwurzel
um zu wissen, kennen, lernen
iha
ihaPartikel
hier
agataḥNominativ Singular
agataPartizip Perfekt Passiv
gekommen
agataPartizip Perfekt Passiv
aPräfixgamVerbalwurzel
gekommen
aPräfixhier, hin, zu
gamVerbalwurzelgehen, kommen

Auf die Frage hin erklärte er, dass er hierhergekommen sei, um den Yoga zu lernen.

Sāṅkr̥ti

Der Protagonist des Textes Sāṅkr̥ti erreicht nach einer langen Reise auf der Suche nach einem wahren Yogameister endlich sein Ziel. Im legendären Naimiṣa-Wald trifft er auf den Meister Dattātreya, der ihm auf seine Anfrage hin alles über Yoga lehrt.

In diesem Abschnitt können wir eintauchen in das Leben und das Unterrichtssetting der Yogis dieser Zeit. Die Lehrer lebten eher zurückgezogen. Die Yogapraktizierenden ließen ihr weltliches Leben hinter sich und lebten in der Nähe des Lehrers.

Dattātreya

Dattātreya ist ein häufiger Charakter der indischen Mythologie. Dattātreya kommt in zahlreichen Quelltexten vor. Jedoch bezeichnet dieser Name ganz unterschiedliche Charaktere. So ranken sich verschiedene Mythen und Legenden rund um den Charakter Dattātreya:

  1. Yogin in den Purāṇas – ca. 3. bis 6. Jh.
  2. Avatāra Viṣṇus – ca. 5. bis 11. Jh.
  3. Avatāra der Trimūrti - 16. Jh.
  4. Nāth-Yogin - 12. Jh.
  5. Mythologischer Begründer der Mahānubhāv-Sekte – ca. 15. Jh.
  6. Datta Sampradāya Bewegung – ca. 15 - 16. Jh.
  7. Tantrischer Lehrer – 17. und 18. Jh.
  8. Nondualistischer Lehrer in den Yoga-Upaniṣads – 17. und 18. Jh.

Insgesamt ist Dattātreya eine dem Viṣṇu zugeordnete mythologische Gestalt. Doch vom Charakter her ist er eher wiedersprüchlich und verkörpert Aspekte, die wir sonst von Śiva kennen. In Vaiṣṇava Ausrichtung des Tantrismus und der Nāth-Yogins wird er als Yogeśvara („Herr des Yoga) zum Begründer des Haṭha-Yoga.

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    Beate Goldbach

    at 18.09.2021

    Danke für diese wunderbare Dattareya-Yogastunde. Habe eine tiefe Freude empfunden. Es tut gut, sich mehr mit dem Text zu befassen. Danke für den Hinweis, ihn Schritt für Schritt auswendig zu lernen Danke für diese wunderbare Dattareya-Yogastunde. Habe eine tiefe Freude empfunden. Es tut gut, sich mehr mit dem Text zu befassen. Danke für den Hinweis, ihn Schritt für Schritt auswendig zu lernen

  • "Gekommen, um den Yoga zu lernen." Zu Beginn des Weges kann man nicht einmal erahnen, was das eigentlich bedeutet. "Gekommen, um den Yoga zu lernen." Zu Beginn des Weges kann man nicht einmal erahnen, was das eigentlich bedeutet.

    • Ich finde diesen Abschnitt so wunderschön. Der Weg in die vielfältige Natur... Ich finde diesen Abschnitt so wunderschön. Der Weg in die vielfältige Natur...